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INTERVIEW/027: Bundeswehr aus Afghanistan abziehen - Gespräch mit Matin Baraki (SB)
Dr. Matin Baraki stammt aus Afghanistan und lebt seit 1974 hauptsächlich in der Bundesrepublik. Er promovierte 1995 an der Universität Marburg und nahm als Politikwissenschaftler Lehraufträge für Internationale Politik an den Universitäten Marburg, Gießen, Kassel und Münster an. Im Rahmen seiner publizistischen Tätigkeit hat er für zahlreiche Zeitschriften geschrieben und sich dabei häufig den Konflikten und Kriegen in seiner Heimat gewidmet. Der Schattenblick hatte die Gelegenheit, am Rande einer Veranstaltung der Partei Die Linke zum Thema des Afghanistankriegs in Hamburg am 15. September mit Herrn Baraki ein Gespräch zu führen.
Schattenblick: Herr Baraki, ich würde Sie gerne eingangs fragen, ob es heute noch von Bedeutung für das Verständnis des Konflikts in Afghanistan ist, die Ursachen des Scheiterns der von der Demokratischen Volkspartei Afghanistans (DVPA) Ende der 70er Jahre gebildeten sozialistischen Regierung zu untersuchen.
Matin Baraki: Ich glaube, man muß mit dem Hintergrund des Konfliktes beginnen, damit Verständnis dafür entsteht, wie es zur heutigen Situation in Afghanistan gekommen ist.
SB: Es hat sich ja um einen Modernisierungsschub für die afghanische Gesellschaft gehandelt.
MB: Ja, auf jeden Fall.
SB: Woran, meinen Sie, ist die demokratische und sozialistische Umwandlung der Gesellschafts konkret gescheitert? Hat die Regierung versagt, weil sie grundlegende Veränderungen übereilt angestoßen hat, oder gab es andere Gründe?
MB: Die Regierung hat die afghanischen Verhältnisse nicht gut gekannt und ist davon ausgegangen, etwas zu tun, was objektiv gut für die Bevölkerung ist, und dies sollte sie akzeptieren. Aber die Menschen kamen nicht mit, weil die Regierung alles zu schnell vorangetrieben hat. Vor allem jedoch war es ein innerafghanisches Problem. Ich bin der Überzeugung, daß wir Afghanen unser Problem hätten lösen können. Aber Afghanistan hat eine sehr wichtige geostrategische Bedeutung und war für andere Länder, die man heute als internationale Gemeinschaft bezeichnet, interessant. Die USA haben gesagt, wir müssen aufpassen, wenn Afghanistan Schule macht, dann ist die gesamte Region revolutioniert, dann ist unser Öl in Gefahr. Darum müssen wir alles daransetzen, daß das Experiment in Afghanistan scheitert.
Der damalige CIA-Chef Robert Gates hat erklärt, daß sie sechs Monate vor den Sowjets in Afghanistan waren. Die CIA wurde beauftragt, in Afghanistan dafür zu sorgen, daß dieses Experiment scheitert, so wie es später auch gekommen ist. Zbigniew Brzezinski, der damalige Sicherheitsberater von US-Präsident Jimmy Carter, sagte: "Wir haben die Russen nicht gedrängt zu intervenieren, aber die Möglichkeit, daß sie es tun, haben wir wissentlich erhöht." Es war die Absicht der USA, die Sowjetunion in die afghanische Falle zu locken. Als dann die Sowjetunion Ende Dezember 1979 interveniert hat, ging es nicht mehr um Reform und Evolution, sondern es ging um Existenz oder Nichtexistenz Afghanistans. Diese Auseinandersetzung hat dann bis 1992 gedauert. 1992 hat die afghanische Linksregierung kapituliert und die Macht den sogenannten gemäßigten afghanischen Islamisten übertragen.
SB: Meinen Sie, daß die Sowjetunion diesen Schritt eher aus defensiver Absicht vollzogen hat, um das Vordringen der USA zu begrenzen, oder würden Sie sagen, daß seitens der Sowjetunion, wie häufig unterstellt wird, eine Art kolonialistisches Interesse vorherrschte?
MB: Letzteres glaube ich nicht. In seinem ersten Interview hat Leonid Breschnew sofort gesagt, wir wollten ein zweites Chile verhindern. Er hat auch erklärt, daß es der Sowjetunion nicht gleichgültig ist, wer in ihrer Nachbarschaft regiert. Es war ihnen nicht egal, ob die DVPA, die Demokratische Volkspartei Afghanistans, an der Macht war oder Islamisten. Das ist völlig klar. Aber sie haben nicht mit der Absicht interveniert, Afghanistan anschließend zu kolonialisieren. Das war nicht einmal Absicht der russischen Zaren. Man unterstellt Peter dem Großen, in seinem Testament gefordert zu haben, daß die Russen zum warmen Wasser gehen sollen. Aber das ist eine komplette Fälschung. Die russischen Zaren haben nie die Absicht gehabt, 'zum warmen Wasser zu gehen', wie es immer im Rahmen des Kalten Krieges behauptet wurde, oder Afghanistan zu besetzen. Das hätten sie gekonnt, aber sie haben es nicht gemacht. Sie haben am Amu Darya, dem Fluß, der die Grenze zwischen der Sowjetunion und Afghanistan markiert, Stop gemacht.
Quelle:
www.schattenblick.de/infopool/politik/report/prin0027.html
Veröffentlicht am:
18:46:18 13.10.2009 von HvS
Letzte Aktualisierung 18:46:18 13.10.2009
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